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Swiss Platform Ageing Society
Länger leben: Wie verändert die demografische Alterung unsere Gesellschaft?
Was bedeutet es für unsere Gesellschaft, wenn Menschen immer länger leben? Und wie müssen sich unsere Strukturen und Lebensumfelder verändern, damit alle Menschen an dieser Entwicklung teilhaben können?
Im Gespräch erläutert Delphine Roulet Schwab, Präsidentin der Swiss Platform Ageing Society, weshalb wir Altern über den gesamten Lebensverlauf betrachten sollten. Sie zeigt auf, welche Rolle gesellschaftliche Rahmenbedingungen spielen und warum ein bereichsübergreifender Austausch zwischen Wissenschaft, Praxis und Politik wichtig ist.
Interview I Romaine Farquet

Delphine Roulet Schwab ist Professorin an der Haute École de la Santé La Source der Fachhochschule Westschweiz (HES-SO) und Co-Leiterin des senior-lab. Sie ist Präsidentin der Swiss Platform Ageing Society. Zudem präsidiert sie alter ego, eine Westschweizer Vereinigung zur Prävention von Gewalt gegenüber älteren Menschen, GERONTOLOGIE CH sowie das Nationale Kompetenzzentrum Alter ohne Gewalt.
Die demografische Alterung wird häufig als Herausforderung bezeichnet. Welchen Blick sollten wir nach den in dieser Publikation versammelten Gesprächen heute auf eine alternde Gesellschaft richten?
Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass die steigende Lebenserwartung eine der grossen Errungenschaften moderner Gesellschaften darstellt. Sie ist das Resultat nachhaltiger Fortschritte in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Lebensbedingungen und soziale Sicherheit. Dennoch wird die demografische Alterung noch immer häufig vor allem unter dem Gesichtspunkt der Kosten, der Altersvorsorge, des Pflegebedarfs oder der Abhängigkeit betrachtet – und damit hauptsächlich aus einer negativen Perspektive.
Die Beiträge und Diskussionen in dieser Publikation laden dazu ein, über diesen problem- und defizitorientierten Ansatz hinauszugehen. Dabei geht es nicht darum, die realen Herausforderungen einer alternden Bevölkerung zu relativieren, sondern ein neues Licht auf sie zu werfen. Eine alternde Gesellschaft ist in erster Linie eine Gesellschaft im Wandel, in der Lebensverläufe vielfältiger werden und mehrere Generationen dauerhaft zusammenleben. Die zentrale Frage lautet deshalb, welche sozialen, strukturellen, wirtschaftlichen und institutionellen Rahmenbedingungen notwendig sind, damit alle Menschen umfassend an dieser Gesellschaft teilhaben können.
Wir leben immer länger. Entwickeln sich unsere Gesellschaften im gleichen Tempo? Wo zeigen sich heute die grössten Diskrepanzen zwischen der demografischen Entwicklung und der Art und Weise, wie unsere Gesellschaften organisiert sind?
Eine der zentralen Erkenntnisse ist gerade, dass hier eine Diskrepanz besteht. Während die Lebenserwartung deutlich gestiegen ist, beruhen viele unserer Institutionen und gesellschaftlichen Vorstellungen weiterhin auf Modellen aus einer Zeit, in der Lebensverläufe kürzer und stärker standardisiert waren. So strukturieren wir das Leben nach wie vor in relativ klar voneinander getrennte Phasen von Ausbildung, Erwerbstätigkeit und Pensionierung. In der Realität überschneiden sich diese Phasen jedoch zunehmend oder bestehen nebeneinander.
Diese Spannung zeigt sich in zahlreichen Bereichen: in der Arbeitswelt, beim lebenslangen Lernen, in den Gesundheits- und Pflegesystemen, beim Wohnen, bei der Gestaltung von Lebensräumen und auch bei der Nutzung digitaler Technologien. Gleichzeitig sind politische Massnahmen häufig nach einzelnen Bereichen organisiert, obwohl die demografische Alterung all diese Bereiche betrifft. Es geht deshalb nicht nur darum, Angebote für ältere Menschen anzupassen. Vielmehr müssen Institutionen und Lebensumfelder so weiterentwickelt werden, dass sie längere, vielfältigere und dynamischere Lebensverläufe unterstützen. Dazu gehört auch, das Erfahrungswissen älterer Menschen anzuerkennen, denn letztlich sind sie selbst die eigentlichen Expert·innen des Älterwerdens.
Die Publikation verbindet sehr unterschiedliche Perspektiven – von Demografie, Wirtschaft und Soziologie bis hin zu Gesundheit, Ethik und Technologie. Welche übergreifenden Erkenntnisse ergeben sich trotz dieser Vielfalt aus den Gesprächen?
Aus den verschiedenen Beiträgen geht deutlich hervor, dass die demografische Alterung ganzheitlich betrachtet werden muss. Fragen der Altersvorsorge sind eng mit den Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt verbunden. Fragen der Pflege lassen sich nicht von der Rolle betreuender Angehöriger oder den Arbeitsbedingungen von Fachpersonen trennen. Gesundheit hängt auch von sozialen Rahmenbedingungen und Lebensumfeldern ab. Und technologische Entwicklungen berühren unmittelbar Fragen der Autonomie, Selbstständigkeit, sozialen Teilhabe und Inklusion.
Eine weitere zentrale Erkenntnis ist, dass Altern nicht allein unter dem Gesichtspunkt individueller Verantwortung betrachtet werden kann. Verhalten, persönliche Entscheidungen und vorausschauende Planung spielen zwar eine wichtige Rolle. Die Möglichkeiten, unter guten Bedingungen zu altern, werden jedoch ebenso wesentlich durch Ressourcen, Chancen und Ungleichheiten geprägt, die sich über den gesamten Lebensverlauf hinweg entwickeln und kumulieren. Die Gesellschaft als Ganzes trägt deshalb über politische Rahmenbedingungen, Institutionen und Lebensumfelder eine wesentliche Verantwortung dafür, günstige Voraussetzungen für ein gesundes Altern zu schaffen.
Gerade das Zusammenspiel zwischen individuellen und gesellschaftlichen Dimensionen wird durch den interdisziplinären Dialog sichtbar. Dies entspricht auch dem Ziel der Swiss Platform Ageing Society: Wir fördern den Austausch zwischen Wissenschaft, Praxis und Politik und stärken damit den Wissenstransfer zu Fragen des Alterns.
Wenn Personen aus Forschung, Praxis oder Verwaltung nur eine Erkenntnis aus dieser Publikation für ihre eigene Arbeit mitnehmen könnten: Welche sollte es sein?
Ich würde hervorheben, dass Altern als Prozess über den gesamten Lebensverlauf hinweg verstanden werden sollte – und nicht lediglich als letzte Lebensphase. Gesundheit, Erwerbsbiografien, soziale Teilhabe und Lebensbedingungen entwickeln sich über lange Zeiträume und prägen nachhaltig, wie Menschen das Älterwerden erleben.
Diese Perspektive bedeutet zugleich, Altern nicht als spezialisiertes Themenfeld zu betrachten, das nur bestimmte Expert·innen betrifft. Ob Gesundheit, Wohnen, Mobilität, Bildung, Erwerbsarbeit, Digitalisierung oder gesellschaftliche Teilhabe: All diese Bereiche sind unmittelbar von längeren Lebensverläufen betroffen. Ein solcher bereichsübergreifender Ansatz ermöglicht es, die Vielfalt der Lebens- und Altersverläufe besser zu berücksichtigen und physische, soziale und menschliche Lebensumfelder zu gestalten, welche die Fähigkeiten und die Selbstständigkeit der Menschen möglichst lange unterstützen.