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Wohnen im Alter: Was macht ein altersfreundliches Umfeld aus?

Was braucht es alles für ein altersfreundliches Wohnumfeld? Wo steht die Schweiz diesbezüglich – und wo besteht noch Handlungsbedarf?

 

Die von den Vereinten Nationen ausgerufene «Decade of Healthy Ageing (2021–2030)» versteht gesundes Altern als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Sie fordert, das Thema Alter in allen Politikbereichen zu verankern und die aktive Teilhabe älterer Menschen zu stärken. Basierend darauf wurden vier zentrale Handlungsfelder definiert. Das zweite dieser Handlungsfelder lautet: «ein altersfreundliches Umfeld» schaffen.

 

Im Gespräch erläutert Alexander Seifert von der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), welche Herausforderungen und Chancen sich in Bereich altersfreundliches Wohnen zeigen und welche Ansätze es braucht, um Wohnumfelder in der Schweiz zukunftsfähig zu gestalten.

Interview I Celia Eugster, Romaine Farquet 

© Bildquelle: Gerontologie CH

Alexander Seifert ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der sozialen Gerontologie mit Fokus auf Digitalisierung, Wohnbedingungen und Lebensstile im Alter. Zudem ist er gemeinsam mit Valérie Hugentobler Herausgeber des Age Report V, der einen fundierten Überblick über aktuelle Herausforderungen und Entwicklungen rund um das Wohnen und Älterwerden in der Schweiz bietet. 

Die WHO-Dekade des gesunden Alterns behandelt im zweiten Handlungsfeld das Thema «Altersfreundliches Umfeld». Was zeichnet aus Ihrer Sicht eine altersfreundliche Wohnumgebung aus? Welche Elemente sind dabei zentral?

Eine altersfreundliche Wohnumgebung zeichnet sich dadurch aus, dass sie die funktionale Fähigkeit älterer Menschen erhält – also ihre Möglichkeit, ein selbstbestimmtes und sinnhaftes Leben zu führen. Wichtig ist hierfür das Zusammenspiel von baulichen und sozialen Faktoren. Dazu gehören u. a. barrierefreie Zugänge, gute Beleuchtung, rutschfeste Böden und anpassbare Wohnungen. Ebenso zentral ist eine gute Infrastruktur mit kurzen Wegen zu Geschäften, zur Gesundheitsversorgung und zum öffentlichen Verkehr. Gleichzeitig braucht es lebendige Nachbarschaften mit Begegnungsorten und Kontakten.

Im Alltag zeigt sich das ganz konkret: wenn man die Wohnung zu Fuss sicher verlassen kann, der Einkauf um die Ecke erledigt werden kann und ein Gespräch mit Nachbarn selbstverständlich ist. Entscheidend ist, dass ältere Menschen ihr Leben weiterhin selbstbestimmt im Quartier gestalten können und gerne dort leben.

 

Ihre Arbeit im Age Report V «Wohnen und Nachbarschaft im Alter» zeigt, dass sich Lebensentwürfe im Alter zunehmend individualisieren. Welche Entwicklungen beobachten Sie bei den Wohnformen für ältere Menschen?

Die Ergebnisse des Age Report V zeigen vor allem eines: Es gibt heute nicht mehr die eine typische Wohnform im Alter, sondern eine zunehmende Vielfalt an Wohnformen für unterschiedliche Lebensentwürfe. Nur etwas bleibt gleich: Viele Menschen möchten möglichst lange in der eigenen Wohnung bleiben, selbst wenn diese nicht ideal an ihre Bedürfnisse angepasst ist.

Gleichzeitig beobachten wir eine stärkere Differenzierung. Vermehrt entstehen gemeinschaftliche Wohnformen wie Alterssiedlungen, Wohngemeinschaften oder generationenübergreifende Projekte. Diese reagieren auf Bedürfnisse nach sozialer Einbindung und gegenseitiger Unterstützung.

Umzüge weg von dem bekannten Wohnquartier bleiben jedoch selten. Stattdessen gewinnen Anpassungen im Bestand, quartiernahe Angebote und neue Mischformen zwischen selbstständigem Wohnen und ambulanter Betreuung an Bedeutung.

 

Nicht alle älteren Menschen verfügen über die gleichen Ressourcen. Wo in der Schweiz sehen Sie zentrale soziale oder ökonomische Ungleichheiten im Bereich Wohnen im Alter?

Im Bereich Wohnen im Alter zeigen sich in der Schweiz weiterhin deutliche ökonomische Ungleichheiten. Während ein Teil der älteren Bevölkerung über Wohneigentum und stabile finanzielle Ressourcen verfügt, kommen andere nur bedingt mit ihren finanziellen Mitteln über die Runden, sind stark auf den Mietmarkt angewiesen und leiden unter steigenden Wohnkosten in den Städten.

Gesundheitliche Einschränkungen verstärken diese Ungleichheiten. Wer auf hindernisfreie Wohnungen oder Unterstützung angewiesen ist, findet nicht immer passende und bezahlbare Angebote. Ein Umzug in eine Alterswohnung bedeutet häufig höhere Mietkosten als bei der bisherigen, oft seit Jahrzehnten bewohnten Wohnung. Hinzu kommt, dass langjährige Mieter·innen teilweise aus ihren Quartieren verdrängt werden, da sie sich den Wohnraum - gerade in urbanen Ballungsräumen - nicht mehr leisten können.

 

Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) arbeitet derzeit an der Aktualisierung der Strategie der nationalen Alterspolitik. Welche Aspekte erscheinen Ihnen in diesem Zusammenhang besonders relevant, um altersfreundliches Wohnen auf struktureller Ebene zu fördern?

Für die Weiterentwicklung der nationalen Alterspolitik ist es zentral, altersfreundliches Wohnen als Querschnittsthema zu verankern – also über Raumplanung, Gesundheit und Soziales umfassend und aufeinander abgestimmt zu denken.

Ein wichtiger Ansatzpunkt ist die Förderung von geeignetem Wohnraum: Es braucht mehr hindernisfreie, anpassbare und bezahlbare Wohnungen – insbesondere im Bestand. Dabei sind Anreize für Umbauten sowie eine stärkere Berücksichtigung in der Raum- und Siedlungsentwicklung zentral.

Ebenso sollen quartiersnahe Strukturen, wie gute Erreichbarkeit und soziale Vernetzung, gestärkt werden. Dafür braucht es koordinierte Angebote zwischen Gemeinden, Kantonen und privaten Akteuren. Auch Ansätze wie die mobile Altersarbeit können Ressourcen im Wohnumfeld aktivieren und Nachbarschaften stärken. Schliesslich benötigen ältere Menschen vermehrt Zugang zu Information und Beratung, damit sie frühzeitig passende Wohnentscheidungen treffen können.

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